Lucia
Agronomische und qualitative Eigenschaften
LUCIA ist eine frühreifende Snackpaprika für das Freiland, rasch in der Jungpflanzenanzucht, anspruchslos bei der Pflanzung und robust gegenüber Witterungseinflüssen. Bei Pflanzung Ende Mai kann ab Ende Juli bis zum Frost geerntet werden. Die spitz zulaufenden, orange leuchtenden Früchte sind aromatisch mild-süß und haben eine frische, knackige und angenehme Konsistenz. Sie eignen sich besonders gut als Naschfrüchte, da sie verhältnismäßig wenig Samen ansetzen.
Die Pflanzen sind determiniert wachsend, ca. 80 cm hoch, standfest, zeigen einen harmonischen Wuchs und benötigen keine Stütze. Durch den unkomplizierten Anbau eignet sich LUCIA besonders für Marktgärtnereien und SoLaWi, die Produkte aus extensivem Anbau im Freiland gut vermarkten können. Auch für Hobbyanbau und Jungpflanzenverkauf ist die Sorte attraktiv. Ihren Namen bekam die Sorte nach der Lichterkönigin, deren Fest besonders in den skandinavischen Ländern gefeiert wird sowie nach einer energischen, klugen, flinken, jungen Frau, die wir in der Zeit der Sortenentwicklung aufwachsen sehen durften.
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Ergebnisse aus dem Versuchsanbau
Aus Anbau auf Praxisbetrieben gab es wiederholt positive Rückmeldungen. Hervorgehoben wurden besonders die Frühzeitigkeit, die Unkompliziertheit im Anbau und der gute Geschmack. Im Vergleich zu der Sorte FLYNN zeigte LUCIA an verschiedenen Standorten größere Früchte und daher einen höheren Ertrag. Die Anbauregionen im Versuchsanbau erstreckten sich von Allgäu und Bodenseeraum bis nach Norddeutschland.
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Ergebnisse von Qualitätsuntersuchungen
Im August 2023 fand eine Qualitätsuntersuchung der Sorte im Vergleich zu den Schwestersorten FRITZ und ARIQUE statt. Die qualitativen Merkmale wurden von Gaby Mergardt mit Hilfe der Bildschaffenden Methoden beschrieben und in der Auswertung wie folgt formuliert:
„Alle untersuchten Varianten zeigten eine sehr hohe Produktqualität. Keine der vier Paprika bildeten Merkmale von Unreife ab, sondern eine hoch differenzierte fruchtartige Ausreifung. Insbesondere Gleichmäßigkeit, Grundspannung, ausbreitende Dynamik und koordinierte, fließend verbundene Strukturen konnten bei allen Varianten erkannt werden. Bei LUCIA war die Substanzwirkung im niedrigen Konzentrationsbereich geringer, dort wurde bei den Kristallbildern eine leichte Unterkonzentration sichtbar. LUCIA zeigte nicht über den gesamten Konzentrationsbereich die hohe Stabilität des Zusammenspiels von Substanzwirkung und Formintensität. Allerdings waren diese minimalen Unterschiede nur in geringem Umfang wahrnehmbar und ließen keine wirkliche Reduzierung der hochwertigen Qualitäten der Paprika erkennen.
Geschmacklich konnte (bei LUCIA) eine deutlich zitronige Note festgestellt werden. Eine frische Fruchtigkeit, mit geringerer Süße als bei den roten Varianten.“
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Züchtungsgang
Ausgangssorte zur Züchtung von LUCIA war die Sorte SWEET BITE OPHELIA als Mutterlinie, in die sechs weitere Paprikasorten im Rahman eines gärtnerischen Anbaus einkreuzten. Das Saatgut der Mutterlinie stammte von Peter Laßnig, einem ökologisch arbeitenden Züchterkollegen aus Österreich. Entscheidend für die Auswahl exakt dieser Linie unter den orangenfarbenen Nachkommenschaften war der Besuch von Kollegen der Organisation „Arche Noah“ im Jahr 2018, die sich von dem Geschmack begeistern ließen. Zu diesem Zeitpunkt war der Wuchs der Linie noch viel zu elastisch und die Äste zu brüchig. Startpunkt und Grundlage des Züchtungsgangs war 2011 in der biologisch-dynamischen Gärtnerei des Hofguts Rengoldshausen eine Sichtung des neuen Segmentes „Snackpaprika“. Aus diesem Sichtungsanbau wurde von einzelnen Pflanzen Saatgut für den Eigenbedarf geerntet.
Wie sich im Nachbau 2013 auf dem Ralzhof herausstellte, hatten die Schwebfliegen bereits reichlich „Kreuzungsarbeit“ (bei dem nominellen Selbstbestäuber Paprika!) vorgenommen, sodass die Züchtung über einige Generationen darin bestand, die Nachkommenschaften der 2011 selektierten Einzelpflanzen zu sichten und sehr, sehr viele Pflanzen zu verwerfen. Gründe dafür waren meist ein unzureichender Geschmack oder mangelnde Standfestigkeit. Welche der sechs Sorten aus dem Sichtungsanbau -SWEET BITE OPHELIA, FERENC TENDER, PARADEISFRÜCHTIGE, ORO, RED MILLION BELL und YELLOW MILLION BELL- sich als Bestäuber durchsetzen konnte, ließ sich nicht mehr nachvollziehen.
Zu Beginn des Züchtungsprojektes war der Pflanzenaufbau ein sehr wichtiges Zuchtziel: Nur eine Pflanze mit gut verholzendem, tragkräftigem Spross und einer ausgewogenen Krone mit nicht zu langen Internodien kann unter Fruchtlast im Freiland Standfestigkeit zeigen. Ab 2016 konzentrierte sich der Blick auf die Wurzelentwicklung aus der Erfahrung, dass eine oberirdisch optimal entwickelte Pflanze in einem Sommergewitter, das den Boden aufweicht, von ihrer eigenen Fruchtlast einfach aus dem Boden gezogen wird. Diese Verschiebung des Fokus‘ brachte eine enorme Dynamik in den Züchtungsprozess: Bis zu 80 % der vorgezogenen Jungpflanzen wurden schon bei der Pflanzung, wenn sie aus dem Anzuchtstopf gezogen wurden, wieder verworfen. Einzelpflanzen-Nachkommenschaften mit höherer Durchfallquote wurden, egal welche Qualitäten sie sonst hatten, für dieses Projekt ausselektiert. Die Bonitur auf Frühzeitigkeit, Fruchtgröße, Ertrag und Geschmack verlief parallel dazu weiter.
Die Selektionsbestände waren je nach Jahr 120 bis 500 m2 groß, inklusive der Isolationsabstände. Der Pflanzabstand betrug 50 x 50 cm im Beet. Der Anbau fand von Züchtungsbeginn 2013 bis zur ersten Vermehrung 2023 komplett auf dem biologisch-dynamisch bewirtschafteten Ralzhof statt.
In der Erhaltungszucht wird darauf zu achten sein, dass die Sorte ihre Robustheit nicht verliert und die frische Knackigkeit der Frucht beibehält. Samenbaulich ist LUCIA eher undankbar, da des Kunden Freude - eine kleine Plazenta mit recht wenigen Samen und gut aus der Hand zu essen - zu einem geringen Saatgutertrag führt.
Die Sorte wurde im März 2024 als Amateursorte gemäß Richtlinie 2009/145/EG vom Bundessortenamt zugelassen. Die Erhaltungszucht findet durch Iris Attrot statt. Die Organisation der Vermehrung und der Vertrieb des Verkaufssaatguts obliegen u.a. der Sativa Rheinau AG.
Rechtlicher Status: Lucia wurde im März 2024 vom Bundessortenamt als Amateursorte gemäß Richtlinie 2009/145/EG mit der Kennung PPR 111 zugelassen.
Saatgutanbieter: Sativa Rheinau
Züchterin: Iris Attrot
Sortenbiografie

